Der Schatz von Quivira

Balduin Möllhausen

EUR 45,00

Roman von Balduin Möllhausen. Mit Illustrationen von H. Grobet und einem Nachwort von Siegfried Augustin.- München: ABLIT Verlag. 2000. Ln-Band mit goldgepr. Rückentitel, Lesebändchen und farb. illustr. Schutzumschlag. Mit einem Anhang: Textausschnitte aus Möllhausens Reisewerken

Ln-Band mit goldgepr. Rückentitel, Lesebändchen und farb. illustr. Schutzumschlag. Mit einem Anhang: Textausschnitte aus Möllhausens Reisewerken. Mit Illustrationen von H. Grobet und einem Nachwort von Siegfried Augustin.

München: ABLIT Verlag. 2000.
520 Seiten
ISBN 3-935410-00-X


Im Jahr 1880 war Balduin Möllhausen 55 Jahre alt und seine letzte Amerikareise lag 22 Jahre zurück, als er mit seinem achtzehnten Roman, DER SCHATZ VON QUIVIRA, etwas schrieb, das sich von seinen bisherigen Werken abhob.

Vermutlich ausgelöst durch den Verlust seines Lieblingssohnes Richard, der als Seeoffizier 1879 auf der See verschollen war, ist DER SCHATZ VON QUIVIRA ein trauriger Roman geworden.
Mehr noch, als in seinen anderen Romanen wird die Geschichte von Frauen beherrscht. Und mehr als in den meisten seiner anderen Romane beschwört er Erinnerungen herauf. Wenn auch in allen seinen Romanen autobiographisches Material enthalten ist, so doch selten in derartiger Dichte wie hier.
In dem Maß, in dem die Vergangenheit sich zu Wort meldet, verliert sich das Fabulieren, das Vorantreiben der Handlung. In den Vordergrund treten Zustandsschilderungen. Aufgewogen wird der Mangel an Aktion aber durch die eindringliche, düstere und bittere Darstellung des verkommenen Jesuitenhofs bei Bonn - in dem Möllhausen seine Kindheit verlebte - und seiner Bewohner. Der Jesuitenhof - im Roman Karmeliterhof - bietet in seinem nicht aufzuhaltenden baulichen Zerfall ein Bild der Hoffnungslosigkeit, der Vergeblichkeit menschlicher Bemühungen, so wie die Bewohner als Abbild dazu die Vergeblichkeit menschlicher Beziehungen demonstrieren. Die Menschen sind aus der Realität geflohen, sind eingesponnen und gefangen in ihren Zwangsvorstellungen und Wunschträumen, unfähig zu normalen Beziehungen.
Die Marquise hat sich durch ihren übertriebenen Stolz um den geliebten Mann und ein erfülltes Leben gebracht und verfolgt irreale Rachepläne. Gertrud wird von ihr - als Werkzeug mißbraucht - dressiert zu einem Leben, das echte Beziehungen ausschließt. Der alte Wegerich lebt in einer Traumwelt in Erwartung der nie stattfindenden Rückkehr des Altertümer sammelnden Gutsbesitzers, der, anscheinend immer auf Reisen, ein Abbild von Möllhausens Vater ist. Der alte Ginster will von den Menschen nichts mehr wissen und sitzt einsam Tag und Nacht am Rheinufer und fischt. Lucretia, zwar noch einigermaßen normal, dafür vollkommen unselbständig, hat aus purer Hilflosigkeit dem bösen, etwas unappetitlichen Splitter die Ehe versprochen und weiß nun nicht, wie sie ihrem Schicksal entkommen könnte und verdrängt die Wirklichkeit. Splitter, eigentlich der Bösewicht, erweist sich bei näherer Betrachtung doch nicht als der große Schurke. Er ist nur eine armselige Figur und ebenfalls fernab der Realität in der Verfolgung eines Plans gefangen, der, von vornherein zum Scheitern verurteilt, auch ihm sein bürgerliches Glück bescheren soll.
Diese Ansammlung von Außenseitern wird umschlossen von zerfallenden Gebäuden mit darin lebendem Gesindel, von verkommenen, ungepflegten Gärten - alles kontrastierend zu der Schönheit der umliegenden Landschaft des Rheintals, wie auch das Bauernpaar Barthel und Kathrin als Kontrast zur Belegschaft des Karmeliterhofs zeigt, wie man glücklich wird.
In diese Oase des Zerfalls kommt Perennis, ein Abbild des jungen Möllhausen, um die Stätte seiner Kindheit noch einmal zu sehen.

Die Situation auf dem Karmeliterhof ist hoffnungslos und unlösbar, alles verharrt in trostloser Bewegungslosigkeit - ein geschlossenes System. Da bleibt als einziger Ausweg - wie 31 Jahre davor für den jungen Möllhausen schon einmal - die Reise nach Amerika.

In Amerika scheint zunächst alles besser zu sein. Der Leser kann endlich aufatmen, ist er doch der engen Gesellschaft der auf dem Karmeliterhof eingepferchten Sonderlinge entkommen. Endlich hat er es wieder mit normalen Menschen zu tun - normal sogar noch dann, wenn es sich um Banditen handelt. Und mit Mr.Plenty zieht auch wieder etwas Humor ein.
Entscheidend aber - die Unbeweglichkeit hat ein Ende. Man bricht auf, um einen Schatz zu suchen. Die Landschaften werden dem Leser in alter Meisterschaft vor Augen geführt, man glaubt die Sehnsucht des Erzählers zu spüren, wenn die Bilder aus seinem Gedächtnis aufsteigen.

"[...] Und einen langen Blick warf Perennis um sich, einen langen, liebevollen Blick, um die ihn umringenden Scenerien seinem Gedächtniß so unauslöschlich einzuprägen, daß die Erinnerung an die jetzige Stunde ihm am späten Lebensabend noch einen, das alternde Herz erwärmenden Genuß versprach. [...]"

Aber auch in diesem Teil beherrschen Erinnerungen die Erzählung. Die Orte, die auf der Reise berührt werden, sind Möllhausen bestens bekannt. Zuni hat er auf beiden Expeditionen gesehen, die Sage von dem versteinerten Paar wird in beiden Reisewerken erzählt, den Gobernador Pedro Pina hat er näher kennen gelernt (ein Aquarell von Pedro Pino, wie auch zwei Aquarelle von Zuni, befinden sich in der Aquarellsammlung der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten) und auch Quivira mit seinem Schatz wird in den "REISEN ..." abgehandelt. Aber immer wieder werden die Erinnerungen überlagert von melancholischen Betrachtungen über den Untergang der alten Kulturen und die Zerstörung ihrer Städte. Teils als Spiegelbild, teils im Kontrast dazu, tauchen Motive des ersten Teils auf. So spiegelt sich der Zerfall des Karmeliterhofes in ebenso düsteren Schilderungen des zerstörten Quivira. Und wo in Deutschland die Welt noch in Ordnung war, beim ländlichen Tanzvergnügen auf dem Volksfest,

Ein kräftiger Paukenschlag erdröhnte; Geigen und Klarinetten fielen ein: Jauchzer auf Jauchzer stieg zu dem grämlichen Zachäus empor, und dahin schoben sich die Paare im weiten Kreise. [...] Geigen- und Klarinettenlärm! Stampfen, Schurren und Jauchzen! Der ganze Saal drehte sich. Jeder hatte nur noch Gedanken an sich selbst und seine Bewegungen. Keiner achtete auf den Andern. Trüber brannten Lichter und Lampen vor dem aufwirbelnden Staube

da findet sich das Zerrbild dazu beim Tanz in Manzana

Mehrere schwälende Lampen verbreiteten dürftiges Licht. Der blutige Streit war vergessen. Die Geige kreischte, die Guitarre jammerte, der Triangel rasselte. Die Füße stampften, die Augen glühten. Es war kein Tanzen mehr; es war ein Rasen. Die Hölle schien losgelassen zu sein. Die verworfensten und gefährlichsten Elemente kreisten jauchzend durcheinander, als wären sie von der Tarantel gestochen gewesen.

Es verwundert schließlich nicht, wenn die Hoffnungen und Wünsche sich nicht erfüllen. Die Schatzsuche mißlingt, eine Frau, für die er sich interessiert, wird erstochen und die Frau, in die er sich dann verliebt, heiratet einen anderen. Massiv holt die Traurigkeit ihn und den Roman wieder ein. Er kann nicht bleiben - die zwei Frauen, die er zurückgelassen hat, kommen ihm wieder in den Sinn. Er muß zurück zum Karmeliterhof.

Das pflichtgemäße Ende des Romans wird dann schnell abgewickelt. Die Rätsel sind aufgeklärt. Der Marquise wird die Tragik ihres Lebens bewußt, Gertrud hat die Karriere begonnen, für die sie von der Marquise gedrillt worden ist und die ihr außer Geld und kurzem Ruhm nicht viel einbringen wird. Ihr einziger Versuch zu einer wirklichen Beziehung - einer der Höhepunkte des Romans - scheitert, denn das Objekt ihrer Liebe, ein Lehrer, ist todkrank und verweigert sich aus Edelmut.
Wie so oft bei Möllhausen, wird auch hier demonstriert, daß starke Frauen (in Deutschland - in Amerika ist das manchmal etwas anders) ihre Stärke mit Einsamkeit bezahlen müssen - einen Mann bekommen nur die schwachen.
Perennis heiratet Lucretia, die als einzige noch zur Verfügung steht, das langweilige, hilflose, allein nicht lebensfähige Wesen, die Frau, die ihn am wenigsten gereizt hat. Er mag in seiner Ehe eher zu bedauern sein, schwermütige Erinnerungen an interessantere Frauen werden ihn zukünftig begleiten.
So erweist sich dann auch das "Happy End" als eben so freudlos, wie der ganze Roman:

An Alle hatte Gertrud in ihrem sehr schön geschriebenen Briefe gedacht; nur nicht an den armen Jerichow. Und dennoch, wenn dieser sie beobachtet hätte, wie sie eine Stunde später so ernst den geschlossenen Brief betrachtete und dabei ihr junges Leben noch einmal vor ihrem Geiste vorüberziehen ließ, wenn er gesehen hätte, wie heiße Thränen ihren Augen entquollen und langsam und schwer über ihre Wangen rollten: Seine Hände hätte er zum Himmel erhoben, inbrünstig von ihm erflehend, daß er einen Engel senden möge, diese Thränen zu trocknen, welchen Einhalt zu gebieten nicht in der Gewalt eines irdisch Geborenen. - -

"Wie Alle so sanft schlafen," hatte die Marquise gesprochen. Hätte sie nur in die Träume des armen Jerichow und ihres Lieblings, des rastlosen Irrwischs mit dem wunderlichen Herzen einzudringen vermocht! Der breite Strom kannte ebenfalls keine Ruhe. Plaudernd und gurgelnd badete er immer wieder die glatt gespülten Strandkiesel. Flüsternd hauchte die sanfte Brise durch die Weidenpflanzung auf dem Uferabhange. Zug um Zug hob der alte Ginster sein Netz aus den Fluthen, abwechselnd leer und mit Beute beschwert. - - - .


  • Der Text wurde in Neusatz unverändert übernommen aus dem Zeitschriften-Vorabdruck:
    Der Schatz von Quivira. Roman von Balduin Möllhausen.
    (in:)
    Deutsche Roman-Zeitung.
    Siebzehnter Jahrgang. 1880
    Erster Band.-
    Berlin: Verlag von Otto Janke. (1879).
    Sp.1-40; 89-128; 169-208; 249-286; 329-362; 409-442; 489-520; 569-608; 649-670; 729-758; 809-832; 905-923.
    Der Text ist in 12 wöchentlichen Lieferungen erschienen.
    Der erste Quartalsband umfaßt den Zeitraum von Oktober bis Dezember 1879.

  • Balduin Möllhausen

    Balduin Möllhausen war Forschungsreisender - Begleiter von Herzog Paul Wilhelm von Württemberg auf einer Tour in die südlichen Rocky Mountains und Mitglied bei zwei amerikanischen Regierungsexpeditionen - und er war Zeichner und Maler. Er malte Pflanzen, Tiere, Indianer und Landschaften, ein Werk von Hunderten von Zeichnungen und Aquarellen.